Aufschluss Schiffswinkel

Geostopp 94 der GeoRoute Ruhr

Im Schiffswinkel

Am Westufer des Hengstey-Sees östlich von Herdecke ist in der Straßenböschung der Zufahrt zum RWE-Kraftwerk „Koepchenwerk“ eine Folge mehrerer Gesteinsschichten zu sehen. Man kann beim Restaurant „Schiffswinkel“ parken, wo sich auch die Bushaltestelle "Schiffswinkel befindet.  Von hier aus sollte man der Uferstraße zu Fuß etwa 400 m weit folgen, bis linkerhand eine Informationstafel des „Energiewirtschaftlichen Wanderwegs Herdecke“ auf eine Gesteinsfalte in der Straßenböschung aufmerksam macht.

Die Schichtenfolge entlang des Seeufers reicht von der Ziegelschiefer-Zone des Namurs bis zu den Kaisberg-Schichten. Ihre Bildungszeit dürfte etwa 500 000 Jahre umfassen. Im Bereich der Gesteinsfalte treten vorwiegend Tonsteine auf, die der Ziegelschiefer-Zone angehören. Diese Gesteine entsprechen in etwa denen im Ziegelei-Steinbruch in Hagen-Vorhalle. Sie wurden küstennah im Meer abgelagert. Nach Norden hin, in Richtung auf das Kraftwerk, liegen die Schichten fast flach. Im Umbiegungsbereich der Falte, dem sogenannten Faltenscharnier, biegen sie dann ziemlich abrupt in ein steiles Einfallen um. Die Faltenform, die hier erkennbar ist, mit flach liegendem Mittelteil und steilen Flanken, wird als Koffersattel bezeichnet.

Gehen wir nun den Weg zurück zum „Schiffswinkel“, kommen wir in immer jüngere Gesteine. Zunächst herrschen noch Tonsteine vor, wie sie für Meeresablagerungen typisch sind. Hinter einem Absperrgitter tritt uns dann aber als erstes mächtiges Sandsteinpaket in der Böschung der Grenzsandstein entgegen. Sein Auftreten markiert die Grenze zwischen dem älteren flözleeren und dem jüngeren flözführenden Oberkarbon. Zu dieser Zeit erstreckte sich in unserem Gebiet ein flaches Meer, das im Süden von einer Küstenebene begrenzt wurde. Dahinter, etwa dort wo heute Spessart und Odenwald liegen,  faltete sich zu dieser Zeit das Variscische Gebirge auf, dessen Front sich ganz allmählich nach Norden fortschob. Von diesem Gebirge her verfrachteten Flüsse große Mengen an Abtragungsmaterial als Sediment in das Meeresbecken. Der Grenzsandstein ist der älteste dieser Schwemmfächer, der bis weit in das Becken hinein verlagert wurde.

Dieses früheste Flussdelta wurde aber zunächst wieder vom Meer überflutet, wie die nun wieder in der Straßenböschung folgenden Tonsteine zeigen. Schon bald aber baute sich erneut ein Flussdelta auf, dessen Ablagerungen uns nun als „Kaisberg-Sandstein“ entgegentreten. Die Ablagerungen dieses Deltas haben wir auch am namengebenden Kaisberg in Hagen gesehen (Aufschluss 5). Sie ragten offenbar zeitweilig über die Wasseroberfläche des Meeres hinaus, so dass dort Bäume wachsen konnten. Überreste der Wurzeln dieser Bäume können wir an der Oberkante des Sandsteinpaketes erkennen. 

Aber auch dieses Flussdelta war nicht stabil. Erneut erfolgte eine Überflutung durch das Meer, dessen Ablagerungen nun wieder die Straße begleiten. Bei Kilometer 1,27 der Straße lässt sich eine fossilführende Schicht finden, in der vor allem die Überreste winziger Meeresbewohner, sogenannter Foraminiferen, auftreten. Erneute Wechsel zwischen Ton- und Sandstein, der Sengsbänksgen-Sandstein und der Sengsbank-Sandstein deuten auf den Kampf zwischen Meeresüberflutung und Sedimenteintrag durch die Flüsse hin. Mit der Ablagerung des Sengsbank-Sandsteins stand der Sieger zunächst fest: Das Gebiet fiel für einen längeren Zeitraum soweit trocken, das sich ein Waldmoor auf dem sandigen Untergrund ausdehnen konnte. Aus seinen torfigen Ablagerungen entwickelte sich das Flöz Sengsbank, das hier etwa 50 cm Kohle führt. Wir erkennen dieses Flöz am Stollen „Gotthilf“, dessen rekonstruiertes Mundloch etwas versteckt hinter dem ersten Wohnhaus liegt. In der Zeit von 1822 bis 1846 wurde hier versucht, die Kohle abzubauen. Da das Flöz aber nur geringmächtig und zudem von Gebirgsstörungen durchzogen ist, kam es nicht zu einem längerfristigen Abbau.

Bei aufmerksamer Betrachtung fällt auf, dass das Kohleflöz und die unmittelbar hinter der links vom Stollenmundloch befindlichen Garagen auftretenden Schichten entgegengesetzt zur bisher durchwanderten Schichtenfolge geneigt sind. In dem kleinen Tälchen  nördlich des Stollenmundlochs verbirgt sich der Kern einer Gesteinsfalte. Es ist die sogenannte Hiddinghäuser Mulde.

Im Aufschluß am „Schiffswinkel“ erkennen wir somit den Übergang vom Meer zum Land. Er war die Voraussetzung für die Bildung ausgedehnter Kohlemoore in den folgenden Abschnitten der Oberkarbonzeit, die Grundlage des bis heute bedeutsamen Steinkohlenbergbaus wurden.

Text aus:

MÜGGE, V.; WREDE, V., DRODZEWSKI, G.: Von Korallenriffen, Schachtelhalmen und dem Alten Mann. Ein spannender Führer zu 22 Geotopen im mittleren Ruhrtal. Klartext, 2005.

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